Der Text steht für alle Frauen die ihr Kind per Kaiserschnitt auf die Welt bringen „mussten“, und deren Männer. Er hilft das Erlebte zu verarbeiten und seelische Wunden zu heilen, die der Kaiserschnitt hinter-lassen hat.

Die Reise Inannas in die Unterwelt

Es ist eine uralte Geschichte, welche uns aus babylonischer Zeit überliefert ist. Dieser Mythos steht in klarer Verbindung zur psychologischen Erfahrung und zu den Gefühlen, die Frauen durchleben, wenn sie ohne eigenen Wunsch per Kaiserschnitt entbunden werden. Vor allem wenn du dir eine natürliche Geburt gewünscht hast, musst du viel loslassen. 

„Innana ist eine große Königin und die Himmelsgöttin. Vom Gott der Unterwelt wird ihr Baby entführt, ihre Tochter. Um ihr Kind zurück zu bekommen, muss Inanna die Reise in die Unterwelt antreten und den Gott der Unterwelt konfrontieren. Diese Reise führt sie durch sieben Tore. Bei jedem dieser Tore muss Inanna etwas von ihrem weltlichen Körper zurück-lassen, um weitergehen zu können. 

Das erste Tor: Sie gibt die Krone, all ihren kostbaren Schmuck und damit auch ihren weltlichen Status als Königin ab. Beim zweiten Tor werden ihr alle königlichen Kleider und die feine Unterwäsche weggenommen. Drittes Tor: Sie gibt ihre Haare. Das vierte Tor: Sie gibt ihre Haut. Fünftes Tor: Sie gibt ihre Muskeln her. Sechstes Tor: Sie gibt alle ihre Organe. Das siebte Tor: Sie gibt ihr übrig gebliebenes Skelett und sich selbst… Damit hat sie ihren Eintritt in die Unterwelt erreicht und bezahlt und in diesem Augenblick sieht und hört sie ihr Kind wieder!“ 

Durch ihre Selbstaufgabe und Bereitschaft zur Hingabe hat sie die Prüfung bestanden, der Gott der Unterwelt hat seine Macht verloren und muss Inanna ihre Tochter zurückgeben. Zusammen mit ihrem Kind steigt Inanna nun wieder Tor für Tor hinauf, in die menschliche Welt. An jedem Tor erhält sie ihre Opfergaben zurück, bis sie auf der Erde angekommen, wieder ganz erneuert und gesund wiederhergestellt ist. Nur ihr kurzes Haar, das selber nachwachsen muss, erinnert noch eine Weile an ihre Reise. Nun ist sie wahre Königin und Göttin, denn sie ist einen Tod gestorben auf ihrer Reise in die Unterwelt. Den Tod der Wünsche des eigenen Selbst! Für das Leben ihres Kindes hat sie einen hohen Preis gezahlt, ihr eigenes Leben gegeben, doch sie ist auch wieder auferstanden.

Dies spiegelt auf verblüffende Weise die Situation der unfreiwilligen Kaiserschittmutter. Denn auch du musstest alles loslassen. All deine Vorstellungen und Wünsche auf eine natürliche Geburt! Gefühle wie Wut, Trauer und Hilflosigkeit wegen dieser „Wahllosigkeit“ haben dich erschüttert und gelähmt, sprachlos gemacht. Der Weg, den du gingst, lief praktisch gleich ab wie Inannas Reise in die Hölle. Um dein Baby zu bekommen musstest du in die Unterwelt absteigen, sprich, alles abgeben. Wie Inanna hast du viele Tore durchschritten: Zuerst hast du deinen Titel in der Welt abgegeben… Ob du Postbotin, erfolgreiche Managerin oder Studentin in der Welt bist, spielte keine Rolle mehr, auch nicht ob du  allgemein oder privat versichert bist. Du wurdest entkleidet, rasiert und deine Haut sowie die Muskelschicht aufgeschnitten. Bis zu deinem innersten Organ, der Gebärmutter, wurdest du bloßgelegt. Und dort, wo du alles hingeben musstest, hast du dein Kind bekommen. Es war ein hoher Preis für dich. Dieser Preis heißt Hingabe. Und die Hingabe ist der Schlüssel zu deinem Geburtserlebnis…

In der Hingabe und Opferung deiner Selbst und all deiner Wünsche und Vorstellungen davon, wie dein Kind dir geboren werden sollte, liegt die Heilung deiner tiefen Enttäuschung. Geburt, Leben und Tod sind immer noch grösser als wir. Wenn wir uns hingeben können, haben wir ein großes Lebensgeheimnis verinnerlicht und können aus der Quelle der Weisheit schöpfen.

Der Text ist dem Buch von Brigitte Renate Meissner „Kaiserschnitt und Kaiserschnittmütter entnommen: Frauen erzählen, was sie erlebten und wie sie ihren Kaiserschnitt verarbeitet haben“.