Oft funktionieren wir im Alltag gut miteinander. Aber achten wir denn wirklich darauf, wie es uns selbst oder dem Anderen geht? 

Neben gemeinsamer Sexualität ist der Schlüssel für Lebendigkeit in der Beziehung die Kunst, sich einander im Gespräch zu zeigen und einander zuzuhören. Lebendige, dauerhafte Beziehung ist kein Schicksal, sondern ein gemeinsamer Lernprozess. Sich einander wirklich mitzuteilen und zuzuhören, achtsam Konflikte auszutragen und neugierig auf den anderen zu sein, bleibt lebenslang eine Herausforderung. Viele kleine Schritte – Umwege und Fehltritte inbegriffen – lassen einen gemeinsamen Weg entstehen.  Der folgende Text ist zum größten Teil verfasst von  Dr. med. Sebastian Gruben, Facharzt für Psychosomatik  und Psychotherapie (psychotherapie-murnau.de). Gruben wiederrum beruft sich auf den Urheber dieser besonderen Gesprächsform „Zwiegespräch“, Lukas Moeller. Weil wir Herz-Zeit poetischer und einladender  finden nennen wir das Zwiegespräch Herzzeit.

Die Herzzeit : Reden und  Zuhören will gelernt sein 

Die Herzzeit ist eine besondere Gesprächsform. In der Herzzeit erzählt der eine von sich, er lässt den anderen teilhaben an seiner Einzigartigkeit, daran, was ihn beschäftigt, an seinen Gefühlen, Träumen, an seinen „schönen und unschönen Seiten“. Der Andere hört dem Erzähler still zu. Und dann wird getauscht.

Vorweg sei geklärt, wozu sich die Herzzeit sicher nicht eignet:

Sie ist kein Wundermittel zur Bewältigung von Beziehungskrisen. Sie dient dem langfristigen Wachstum der Beteiligten, und somit auch der Entwicklung der Beziehung, aber sie ist kein Reparaturwerkzeug.

Sie eignet sich absolut nicht dazu, den Partner zu dem zu bringen, was man schon immer von ihm wollte, aber irgendwie nie bekommen hat. Im Gegenteil – die Herzzeit lebt von und mit der Selbstverantwortung. Wer sich auf die Herzzeit einlässt in der Hoffnung, der andere werde ihn endlich verstehen und sich dann in die gewünschte Richtung entwickeln, hat eine Enttäuschung vor sich. Der andere wird mehr so werden, wie er oder sie ist, wird das Potenzial voller ausschöpfen, das ihm oder ihr gegeben ist – ob einem das dann gefällt, bleibt indes abzuwarten.

Die geeignetste Haltung gegenüber der Herzzeit ist daher auch nicht die Erwartung, dass irgendetwas verbessert, gesteigert oder optimiert wird, sondern die einer offenen Neugier – zunächst und vor allem auf sich selbst, und sodann auch auf den anderen und das „dazwischen”, die Beziehung.

Um es überdeutlich zu formulieren: Das Du, zu dem ich spreche, dient als Spiegel, als Gelegenheit zur Erforschung, Entwicklung des Eigenen; der Mensch wird am Du zum Ich.

Wie wird’s gemacht?

Die Herzzeit erfüllt ihren Sinn nur dann, wenn sie stetig praktiziert wird. Zunächst müssen sich die zwei darauf verständigen, ob und wie sie die Gespräche führen wollen. Man kann eine Probezeit vereinbaren, z.B. drei  Monate. Wenn es sich für beide bewährt, kann man einen neuen, weiteren Zeitrahmen vereinbaren, oder die Herzzeit bis auf weiteres zur festen Institution machen.

  1. Regel: Feste Zeiten, keine Störung. Am besten ist es, einen festen wöchentlichen Termin zu vereinbaren. Der Termin soll von beiden Seiten fest eingeplant und ernst genommen werden und Priorität vor allen anderen Angelegenheiten haben, mit Ausnahme von Notfällen. Ein Abstand von 10 oder 14 Tagen ist auch möglich, größer sollten die Abstände jedoch keinesfalls werden.

Sie sollten darauf achten, dass während dieser 1 ½ Stunden keine Störung möglich ist. Das bedeutet: Telefon ausschalten, Kinder im Bett oder Babysitter, einen geschützten Raum aufsuchen.

Fällt man im Beziehungsalltag in alte Streitmuster, in denen es zu Verletzungen und Anschuldigungen kommt, ist es gut auseinander zu gehen, um wieder zu sich zu kommen. Dann vereinbart man einen zusätzlichen Termin, um sich dem Streitthema nach den Regeln der Herzzeit zu widmen.

  1. Regel: Jeder spricht nur über sich selbst, und so konkret wie möglich. Die Herzzeit ist ganz bewusst kein Dialog im üblichen Sinne, sondern ein wechselseitiger Monolog.

Zuhören: 

Als Zuhörer darf ich keine Fragen stellen. Ich darf den Redenden auch nicht unterbrechen, egal wie sehr es mich dazu drängt, etwas dazu zu sagen. Selbst wenn ich vor Wut kochen sollte oder vor Schuldgefühlen eingehe, sage ich als Zuhörer nichts, bis der andere fertig ist. Auf diese Weise zuzuhören, unter Umständen 15 oder 30 Minuten lang, ist sehr ungewohnt, aber auch sehr lehrreich und nützlich: Das übliche eingeschliffene Pingpong wird dadurch unterbunden. Ich lerne, einfach in aller Ruhe anzuhören, was der andere mir erzählen will.

Dabei erweist es sich als unschätzbarer Vorteil, dass ich keine Antwort vorbereiten muss. Gewöhnlich sind wir beim sog. Zuhören nach kürzester Zeit weitgehend damit ausgelastet, uns eine geeignete Antwort zurechtzulegen, und spätestens dann hören wir nicht mehr hin. Wie wunderbar, sich beim Zuhören wieder und wieder daran erinnern zu dürfen: Ich brauche nichts, aber auch gar nichts dazu zu sagen. Und mir wird hier – soweit der andere das schon beherrscht – kein Vorwurf gemacht. Und damit sind wir beim

Sprechen: 

Noch ungewohnter ist es für die meisten, beim Sprechen bei sich zu bleiben, also in sog. Ich-Botschaften zu kommunizieren. Damit ist gemeint: Alles, was ich jetzt schildere, fällt in meinen Verantworungsbereich. Ich könnte vor jeden einzelnen Satz stellen „Ich übernehme die volle Verantwortung dafür, dass…“ – klingt radikal, und das ist es auch. Wer das Prinzip der Selbstverantwortung nicht als ein vorrangiges persönliches Reifungsziel bejaht, und zwar unabhängig davon, ob und wie weit der Partner das auch tut („Ich will an mir arbeiten, aber nur, wenn du es auch tust“ – uralter Trick, funktioniert nicht), kann die Lektüre hier abbrechen. Ratschläge, Vorwürfe, Interpretationen und Allgemeinheiten sind Feinde der Selbstverantwortung im Gespräch. Wie vermeidet man nun aber die kleinen Feinde der Selbstverantwortung?

 Ratschläge, Vorwürfe, Interpretationen und Allgemeinheiten?

„Ich glaube, es wäre gut, wenn du mehr mit unserer Tochter spielen würdest“ ist ein Ratschlag. Eine Ich-Botschaft wäre z.B.: “Ich glaube, unsere Tochter braucht zur Zeit viel Zuwendung und mich belastet der Gedanke, dass sie zu kurz kommen könnte. Ich wünsche mir dann oft, dass Du mehr mit ihr spielst.“

„Nie hilfst du im Haushalt!“ ist ein fetter, unverhüllter Vorwurf. „Ich muss im Haushalt immer alles alleine machen“ ist ein ebenso fetter, leicht verschleierter Vorwurf. „Ich bin dauernd erschöpft von der vielen Hausarbeit, die ich ganz alleine machen muss“ ist ein schon ziemlich gekonnt verschleierter Vorwurf. Die Wörtchen nie, immer, alles undnichts leiten Verallgemeinerungen ein und sind ziemlich sichere Anzeichen: Hier kommt ein Vorwurf. Erlaubt wäre: „Als ich gestern den Abwasch machte und du Fußball schautest, wurde ich sehr wütend auf dich! Ich hätte dir am liebsten das ganze Zeug vor die Füße geschmissen. Ich war voller Vorwürfe gegen dich und habe deshalb extra laut mit den Tellern geklappert.“ Es geht nicht darum, die Wut oder den Ärger zu verbergen, sondern darum, den Zusammenhang aufzulösen, den der Vorwurf herstellt: 

Mir geht es schlecht und du bist daran schuld! 

 Im Zwiegespräch heißt es: Mir ging es schlecht, und zwar in der und der Situation, und ich hatte dabei diese Gedanken und Gefühle. Den gewohnten 2. Teil (und daran bist du schuld) verkneift man sich. Aussagen wie „Ich wurde traurig / wütend auf dich / verzweifelt usw.“ sind natürlich erlaubt, sie beschreiben eigene Gefühle. 

Wundern Sie sich nicht, wenn es am Anfang gerade hier eine Menge Regelübertretungen gibt. Haben Sie Geduld, denn das muss man lernen wie Schreiben oder Fahrradfahren.

InterpretationenWenn Sie über den anderen sprechen, können Sie sich an folgende Faustregel halten: Sie sagen nur, was Sie unmittelbar mit Ihren Sinnen wahrnehmen konnten. Wir neigen dazu – und im Alltag mag das auch oft sinnvoll sein – unsere Wahrnehmungen in Interpretationen zusammenzufassen. Beispiele: „Als du mich am Sonntag vor unseren Gästen so kühl behandelt hast“, „als du total beleidigt reagiert hast, nachdem ich …“, oder „wenn du immer so verletzt dreinschaust wie das Leiden Christi…“ – all das sind Interpretationen. Und der Klassiker: „Wenn Du mich lieben würdest, würdest Du unsere Verabredungen einhalten“ oder „Wenn du mich lieben würdest, wärst du beim Sex zärtlicher/leidenschaftlicher/zurückhaltender usw.“ sind Interpretationen von geradezu gigantischem Ausmaß. Wir können nicht genau wissen, was der innere Zustand oder die Absicht des anderen gewesen ist. Von sich sprechen würde hier bedeuten: „Als die Gäste da waren, hab ich mir gewünscht, dass du mich öfter mal anschaust oder berührst. Als das nicht geschah, fühlte ich mich von dir abgelehnt und stehen gelassen.“ „Als Du unpünktlich kamst (nicht: Immer wenn Du…!), fühlte ich mich nicht geachtet und dachte, Du liebst mich nicht, du findest mich nur praktisch.“ Der Unterschied ist klein, aber bedeutsam. Es lohnt sich, hier unermüdlich daraufhin zuweisen: „Ich habe es so und so empfunden, ich habe mir den und den Reim darauf gemacht, und dann darauf so und so reagiert“ und nicht für den anderen entscheiden zu wollen, wann er oder sie beleidigt, ablehnend, wütend oder interesselos gewesen sein soll. Das ist anfangs anstrengend und erscheint etwas künstlich, aber Sie werden bald merken, dass es sich lohnt.

Allgemeine Aussagen, Referenzen„Es ist doch sinnlos, das so und so zu machen.“ „So darf/kann man das nicht sehen.“ Alle Aussagen, die auf die Form herauslaufen „Es verhält sich so und so“ oder „Es ist logisch/unlogisch; man muss/kann doch nicht“, all diese Aussagen haben in einem Zwiegespräch nichts verloren. Das gleiche gilt für Sätze mit immer (wenn), nie, überall, jede Art von Verallgemeinerung, wie oben schon erwähnt. Sie lenken von der unmittelbaren, persönlichen Erfahrung ab und spiegeln eine vermeintliche Objektivität vor, die die eigene Mitteilung verschleiert. Wer ist denn Es? Wer ist Man? Wann ist immer? Wo ist überall? So reden Politiker, denn hinter dieser Sprache kann Man unerkannt bleiben. Eine beliebte Sonderform der Objektivierung ist die Referenz: „Meine Freundin XY hat auch gesagt…“ oder „Mein Therapeut hat auch gesagt…“oder „Wenn man 100 Leute fragen würde, würden doch bestimmt 80 sagen…“ 

Nein. In  der Herz-Zeit geht es ausdrücklich darum, sich  erkennen zu geben, sich zu zeigen. Die Zwiegespräche sind daher ein Bekenntnis zur Subjektivität – je subjektiver, desto besser. Beginnen Sie einfach jeden Satz mit Ich, dann kann schon nicht mehr viel schiefgehen. Z.B.: „Ich fühle mich wirklich mies dabei, so egoistisch zu sein und nur über mich zu sprechen…“ oder „Ich empfinde diese Gesprächsregeln als eine Unterwerfung unter diesen Psychofuzzi.“

  1. Regel: Gleiche Verteilung der Sprechzeiten, kein Sprechzwang. Beide sollten darauf achten, dass die Sprechzeiten in etwa gleich verteilt sind. Für den Anfang kann es sinnvoll sein, 15-Minuten-Blöcke zu vereinbaren. Jeder signalisiert, wann er fertig ist. Es ist auch erlaubt, die eigene Sprechzeit mit Schweigen zu verbringen – der andere darf trotzdem nicht mehr als die Hälfte der Gesamtzeit beanspruchen.

Üben Sie keinen Druck aufeinander aus. Jeder erzählt freiwillig das von sich, was er/sie erzählen möchte. Der eine muss, wie erwähnt, keinen Bezug auf das nehmen, was der andere vorher gesagt hat. Nach und nach kommen schon alle wichtigen Themen zur Sprache. Jeder beginnt in der Ecke, die er/sie wählt, ob nun aus Gründen der Dringlichkeit oder der Ungefährlichkeit – aber mit der Zeit entsteht doch das ganze Bild. Es ist ein Abenteuer. Fangen Sie einfach an. „Nur aus Fehlern wird man klug, drum ist einer nicht genug“ ist sicherlich kein schlechtes Motto dafür. Und sollte es Spaß machen, wundern Sie sich nicht zu sehr.

Die Heilpraktiker Martina Mondini und Florian Hauch begleiten und behandeln Menschen in seelischen oder körperlichen Krisen. Gemeinsam als Paar beraten sie Paare in Übergangs-oder Konfliktsituationen. Bei individuellen Fragen zu Beratung oder Kosten wenden Sie sich gerne telefonisch an Martina Mondini, 08031  3917432 oder Florian Hauch, 08031 37544. Die Praxis befindet sich in der Salinstraße 9 in Rosenheim.